• Ralph Siegel ist einer der erfolgreichsten Komponisten Deutschlands und führte Nicole 1982 mit “A Little Peace” zum Grand-Prix-Sieg.
  • Am 16. Oktober feiert Siegels Musical „Zeppelin“ im Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen seine Weltpremiere – mit einem geballten Staraufgebot.
  • Im Interview mit unserer Redaktion spricht der 76-Jährige über sein musikalisches Lebenswerk, die finanziellen Hürden durch Corona und seine Enttäuschung mit dem NDR mit Blick auf den „Eurovision Song Contest“.

Ein Interview

von Dennis Ebbecke

Herr Siegel, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Geburtstag. Sie sind vor kurzem 76 Jahre alt geworden. Wie geht es Ihnen?

Ralph Siegel: Schrecklich genug (lacht). Die 60 war schlecht und die 70 war schrecklich. Die 75 hingegen war sehr schön, weil man dankbar war, dass man noch lebt. Mit 76 schmerzt allerdings nur noch die Knochen. Zumindest geht es mir so. Ich habe wirklich Ischiasprobleme und kann nicht lange stehen oder gehen. Deshalb muss der Kopf von den körperlichen Schwierigkeiten befreit werden.

Und deine Stimme scheint ein wenig beschädigt zu sein, ich glaube, ich kann es sagen. Ist der Eindruck falsch?

Nein, das kann und liegt einfach daran, dass ich täglich viel telefoniere und bis zu 18 Stunden am Tag unterwegs bin, um meinem Lebenswerk – dem Musical „Zeppelin“ – nach dem langen Warten eine Chance zu geben. Wir mussten den Start aufgrund der Corona-Pandemie dreimal verschieben. Das war und ist ein großer Aufwand, wenn man Verträge zu erfüllen hat und mehr als 50 Künstler*innen auf der Bühne proben wollen, dies aber nur eingeschränkt dürfen.

Ralph Siegel: “Bringe alles, was ich gelernt habe, in Form meines Musicals auf die Bühne”

Meist wird einem ein Lebenswerk in Form eines Preises überreicht. Sie beschenken sich also praktisch selbst mit Ihrem Musical …

Das stimmt, obwohl ich den Begriff “Lebenswerk” in diesem Zusammenhang anders meine. Alles, was ich in meinem Leben gelernt habe, bringe ich in Form meines Musicals auf die Bühne. Ich komponiere seit 60 Jahren – von Hits über Country und Rock bis hin zu Filmmusik. Es gab über 2.000 Lieder. All diese Erfahrungen habe ich nun in “Zeppelin” gepackt und das Beste aus mir herausgeholt. Und darauf bin ich stolz. Vor 20 oder 30 Jahren wäre mir dieser Bereich wahrscheinlich nicht gelungen.

Am 16. Oktober feiert „Zeppelin“ endlich seine Premiere in Füssen – nach rund fünfjähriger Vorbereitung. Haben Sie nach dieser langen Wartezeit ein bisschen Lust auf einen Zeppelin: Sie glauben erst, dass er fliegen kann, wenn Sie ihn sehen?

Das ist nicht von der Hand zu weisen, zumal ich mich schon viel mehr als fünf Jahre mit dem Thema “Zeppelin” beschäftige. Schon vor 40 Jahren habe ich einen “Zeppelin”-Titel geschrieben (“Wir mieten einen alten Zeppelin und fliegen um die Welt”). Diese Luftschiffe hatten schon immer eine romantische Aura auf mich. Auch Zeppeline sind fasziniert. Mit einer Länge von 238 Metern und einer Höhe von 40 Metern war die „Hindenburg“ so groß wie zwei Fußballstadien, muss man sich vorstellen. Als ich später eine Dokumentation über die Kriegszeit sah, reifte in mir der Gedanke, ein Musical über den Grafen Zeppelin und die “Hindenburg” zu schreiben.

Der Zeppelin LZ 129 “Hindenburg” stürzte 1937 ab, 35 Menschen kamen ums Leben. Ihr Musical wird also Elemente des Dramas hervorbringen, oder?

Ja, es wird auch dramatisch. Die “Hindenburg” ging bei der Landung in Lakehurst in weniger als einer Minute in Flammen auf. Es war eine der größten Katastrophen aller Zeiten. Die Geschichte um dieses Ereignis, also die Gedanken, Gefühle und Handlungen der Menschen, die damit zu tun hatten, wurde von dem Autor und Historiker Hans Dieter Schreeb und mir fiktiv geschrieben. Die damaligen Protagonisten sind jedoch benannt. Die “Hindenburg”-Kapitäne treten im Musical ebenso auf wie der überlebende Akrobat Ben Dova, der als mutmaßlicher Bomber zu den Hauptverdächtigen gehörte. Die Geschichte ist unglaublich spannend und komplex, weil sie auch zeigt, wie das Leben vor 100 Jahren aussah, was mit heute nicht zu vergleichen ist.

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“Zeppelin” ist viel mehr als eine Musikgeschichtestunde.

Genau. Wir verbinden Story mit Unterhaltung und einer emotionalen Liebesgeschichte mit meinen Songs, die unter die Haut gehen. Die fiktiven Menschen an Bord der „Hindenburg“ bieten ein breites Spektrum: Von einer Nationalsozialistin über eine charmante Filmschauspielerin und Gestütsbesitzerin (Kristin Backes) bis hin zu einer schwedischen Staubsaugervertreterin mit humorvollem Touch kann das Publikum viele Facetten genießen. Auch musikalisch durfte ich als Komponist auftreten, mich zum Beispiel in die Lage des 18. Jahrhunderts versetzen, die 1920er Jahre Revue passieren lassen und Pop- und Rocksongs beisteuern.

Sie könnten große Namen für Ihr Musical gewinnen. Wie wichtig ist es Ihnen, Stars auf der Bühne zu haben?

Es sind nicht nur große Namen, es sind gute Namen. Allen voran ist Uwe Kröger zu nennen, der nicht zuletzt mit seiner „Elisabeth“ als Musicaldarsteller Geschichte geschrieben hat. Ursprünglich wollte er Ferdinand Graf Zeppelin spielen, übernahm dann aber seinen Vater Friedrich Graf Zeppelin. Auch wenn Uwe noch gut aussieht, kann ein Mittfünfziger nicht so einfach einen 30-Jährigen nachahmen.

Es gibt nicht nur erfahrene Musicaldarsteller, sondern auch Popstars und Schauspieler. Wie passt das zusammen?

Auch hier bin ich von der Vielfalt begeistert. Musicaldarsteller wie Uwe Kröger und Kevin Tarte (“Tanz der Vampire”), Erfolgsmusiker wie der liebe Tim Wilhelm von der Münchener Freiheit, Popstars wie Sandy Mölling von den No Angels und großartige Schauspieler wie Sigmar Solbach (u.a. “Dr. Stefan Frank”, Anmerkung der Redaktion) nimm den Griff in die Hand. Für Sigmar, der gerade 75 Jahre alt geworden ist, ist Musical eine ganz neue Welt, die ihn sehr fasziniert. Ich freue mich einfach, ein so großes Szenario auf die Bühne bringen zu können – und das im wunderschönen Festspielhaus Neuschwanstein mit einem Ensemble bestehend aus über 60 Schauspielern. Phänomenal!

Es ist teuer.

Ja, bitte frag nicht wie viel. Sie werden keine Antwort bekommen. Aber bei einer Uraufführung müssen die Menschen, die in die Rollen schlüpfen, Vorbilder für diejenigen sein, die das Musical nach der Premiere zum Leben erwecken sollen. So stelle ich das bestmögliche Line-Up zusammen – auch wenn es eine Weile dauern wird, bis es sich bezahlt macht.

„Ich habe mich entschieden, das Projekt alleine zu machen“

War Ihr großer Traum zwischenzeitlich wegen Corona auf der Kippe?

Aber ja. Das Problem war, dass die Produzenten wegen des fehlenden Kartenverkaufs vor eineinhalb Jahren ausgestiegen sind. Ich habe mich dann entschieden, das Projekt alleine zu machen. Es war alles andere als einfach, da es sehr teuer in der Herstellung war.

Wie hast du das geschafft?

Nun, ich ging einfach zur Bank und sagte: “Das ist mein Haus, bitte gib mir das Geld. Und wenn es nicht klappt, gehört das Haus dir.”

Eine Entscheidung mit großer Tragweite, die auch beweist, wie wichtig es Ihnen ist, diesen Lebenstraum zu verwirklichen …

… zumal man in meinem Alter nicht mehr weiß, ob man seine eigene Arbeit noch erleben wird. Ich habe jahrzehntelang hart gearbeitet und möchte diese Gelegenheit nicht verpassen. Und ich möchte zeigen, dass ich noch viel mehr kann als “Hossa, Hossa!” oder “Dschingis Khan”.

Kann es nach „Zeppelin“ überhaupt einen Weg zurück vom ernsteren Thema zum Schlager oder zum ESC geben?

Ich wäre schon immer gerne beim ESC dabei gewesen, aber der NDR hat mich vor 15 Jahren ausgeschlossen. Ich schreibe seit Jahren ausnahmslos 80, 90 Prozent meiner Musicals. Wenn aber talentierte Künstler einen Song von mir wollen, dann freue ich mich natürlich darüber.

Angeblich wollen Sie Karl König, eine fiktive Figur aus Köln, unter Ihre Fittiche nehmen. Wie hat es der Popbarde geschafft, Sie zu überzeugen?

Karl König ist ein wunderbarer Mensch. Er hat mich in München besucht und wir schätzen uns sehr. Er hat mein Wort: Wenn er will, schreibe ich ihm ein lustiges Lied. Ich mag positive verrückte Typen wie ihn. Ich muss ihn nicht einmal unter meine Fittiche nehmen, weil er seine eigenen Dinge im Griff hat. Außerdem sind die Zeiten vorbei, in denen ich 100 Mitarbeiter hatte und mit 40 Künstlern wie Peter Alexander, Nicole, Udo Jürgens, Karel Gott und Roy Black zusammengearbeitet habe.

Sie haben Roy Black, dessen 30. Todestag der 9. Oktober war, zu einem Comeback verholfen. Wie haben Sie ihn in dieser Zeit erlebt?

Es war eine andere Zeit. Roy hatte eigentlich schon seinen Zenit erreicht. Wie bei vielen anderen Künstlern war sein Leben wie eine Achterbahnfahrt – geprägt von großen Erfolgen und weniger glorreichen Phasen. Ich habe dann zugestimmt, einige Songs für sein Comeback zu produzieren, was auch sehr gut lief, insbesondere “Sand in Your Eyes” 1977. Aber der Witz war: Ich habe diese Nummer ursprünglich für Rex Gildo geschrieben, aber er hat den Song abgelehnt. Trotz des Erfolgs meldete sich Roy danach wochenlang nicht. Als ich ihn eines Tages danach fragte, erzählte er mir, dass er wieder mit seinem Bruder zusammenarbeite und fügte hinzu: “Du hast übrigens nicht für mich ‘Sand in den Augen’ geschrieben, sondern für Rex.”

Hat Ihnen dieses Verhalten wehgetan? Schließlich war es nicht zum Nachteil von Roy Black, dass er den Song bekam.

Zunächst sicherlich. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass ich im Laufe meiner Karriere einige Menschen kennengelernt habe, die meine Kreativität und Energie zum Schreiben eingesetzt haben. Ich hatte eine ähnliche Erfahrung mit Vicky Leandros. Das ist das Los eines freien Komponisten. Deshalb schließe ich heute nur noch langfristige Verträge ab.

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