Ischias?  Oft ist es nur ein Muskel

Ein unangenehmer Schmerz durchdringt die Lendengegend. Die Bandscheibe, denken viele jetzt. Aber oft steckt eine ganz andere Ursache dahinter

Männer mit einem schweren Geldbeutel sind häufiger davon betroffen. In der Gesäßtasche sitzt man schief. Der unangenehme Nebeneffekt: ein schmerzhaftes Ziehen im Gesäß, das bis ins Bein ausstrahlt. “Klar, der Ischias”, denken viele.

Doch anders als beim klassischen Ischiasschmerz kommen die Probleme nicht von der Wirbelsäule, sondern vom unauffälligen M. piriformis – zu Deutsch birnenförmiger Muskel. Die wenigsten Menschen wissen von seiner Existenz, bis es irgendwann schmerzhaft spürbar wird.

Piriformis-Muskel: nah am Ischiasnerv

Der fingerdicke Muskel ist für die Außenrotation des Hüftgelenks verantwortlich. Es liegt unter den Gesäßmuskeln und verläuft vom Kreuzbein bis zur Oberkante des Oberschenkelknochens. Er durchquert eine Öffnung im Beckenknochen und kommt dem Ischiasnerv sehr nahe, da dieser das Becken meist direkt unterhalb des Piriformis-Muskels verlässt.

Zu nahe zu kommen kann unangenehme Folgen haben: Kommt es zu einer einseitigen Überlastung, verkrampft sich der Muskel, schwillt an, drückt auf den Nerv und kneift ihn. Dieses sogenannte Piriformis-Syndrom verursacht dann ähnliche Symptome wie bei einem Bandscheibenvorfall. Die über dem Piriformis-Muskel liegenden Gesäßmuskeln können manchmal Ischias-ähnliche Symptome verursachen.

Beschwerden wie bei einem Bandscheibenvorfall

Dazu gehören stechende oder ziehende Schmerzen im Gesäß, die bis in die Mitte der Oberschenkelrückseite ausstrahlen können. Taubheit und Kribbeln bis in die Zehen können ebenfalls auftreten. Oder Schmerzen im Lendenwirbelbereich, die sich bei längerem Sitzen verschlimmern.

„Die Gefahr, auf das falsche Pferd zu setzen, ist groß“, sagt Dr. Dieter Veith, Orthopäde aus Emmendingen in Baden. Viel zu oft werden solche Beschwerden auf die Bandscheiben geschoben und Betroffene dann falsch behandelt, manchmal sogar unnötig operiert. „Bei vielen Betroffenen haben Ischiasbeschwerden muskuläre Ursachen“, sagt Veith. Experten sprechen in diesem Fall von Pseudo-Ischias.

Ein deformierter Piriformis-Muskel benötigt mehr Platz und drückt auf den direkt darunter aus dem Becken austretenden Ischiasnerv. Dieser reagiert schmerzhaft gereizt

Wenn der Piriformismus-Muskel auf den Ischiasnerv drückt

Eine ordnungsgemäße Untersuchung kann unnötige Behandlungen vermeiden. Dies unterstreicht auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU), Professor Heiko Reichel. Zumindest bei schlanken Menschen spürt man den Piriformis-Muskel auf der Rückseite des Gesäßes. Auch Bewegungstests und einfache neurologische Untersuchungen können helfen.

Wichtiger Indikator: Schmerzen, wenn das Bein gegen Widerstand nach außen gedreht wird oder das Bein mit gebeugter Hüfte gespreizt wird. „Während die Schmerzen bei einem Bandscheibenvorfall bis in die Zehen ausstrahlen können, spürt man beim Piriformis-Syndrom meist nur den Ischias bis zum Oberschenkel“, sagt Reichel.

Vermeiden Sie einseitige Belastungen

Langes Sitzen im Auto oder am Computer ärgert sich der birnenförmige Muskel ebenso wie einseitige Überlastung durch längeres Bücken oder Heben schwerer Gegenstände. Auch wer häufig joggt, riskiert eher das schmerzhafte Piriformis-Syndrom – vor allem bei anatomischen Besonderheiten wie unterschiedlich langen Beinen oder einer verschobenen Beinachse. „Schlechte Laufschuhe können das Problem verschärfen“, betont Reichel.

Im Gegensatz zu einem Bandscheibenvorfall wird Pseudo-Ischias konservativ behandelt. Hier sind vor allem Physiotherapeuten gefragt: „Wir schauen nicht nur auf die schmerzende Stelle, wir betrachten den Patienten ganzheitlich“, erklärt Claudia Geiges, leitende Physiotherapeutin an der Orthopädischen Klinik der Universitäts- und Rehaklinik Ulm. Auch eine Fehlstellung des Sprunggelenks könnte einem Piriformis-Syndrom zugrunde liegen.

Gezielte Dehnübungen helfen

Gezielte Dehnübungen lockern verspannte Muskeln. „Die Betroffenen müssen selbst aktiv werden“, betont Geiges. “Wir geben ihnen nur die Werkzeuge, um ihre Schmerzen in den Griff zu bekommen.” Bei der manuellen Therapie werden auch schmerzhafte „Triggerpunkte“ gespürt und verarbeitet. Dies sind einzelne verkürzte Muskelfasern, die als verhärtete Knötchen ertastet werden können.

Die Behandlung kann ziemlich schmerzhaft sein – zumindest wenn die richtigen Punkte getroffen werden. „Eine völlig schmerzfreie Therapie gibt es leider nicht“, sagt Orthopäde Veith, der auch mit speziellen Akupunkturnadeln und fokussierten Stoßwellen an den Triggerpunkten arbeitet. Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente sind in der Anfangsphase besonders hilfreich.

Können Sie verhindern?

Es ist ratsam, die Therapie nicht aufzuschieben. „Je früher man die Symptome behandelt, desto schneller verschwinden sie“, betont Veith. Insbesondere wenn die Ursache nicht beseitigt werden kann, besteht die Gefahr, dass die Schmerzen chronisch werden. „Stressige Tätigkeiten können vermieden werden, bei Beinlängenunterschieden wird es schwieriger“, sagt DGOU-Präsident Reichel. Dehnübungen und Muskeltraining beugen dauerhaften Problemen vor.

Einer ist wichtig SportDas gleicht den Stress des Alltags aus: “Wer den ganzen Tag sitzt, sollte abends nicht auf ein Rudergerät oder Fahrrad steigen, sondern lieber laufen oder schwimmen”, sagt Physiotherapeut Geiges. Vielsitzenden rät sie, ihre Position öfter zu wechseln und regelmäßig aufzustehen. Und vor allem das Portemonnaie aus der Hose holen.

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