Italien: Procida – die kleine Nachbarinsel Ischia ist so wunderbar

Italien
Procida – die kleine Nachbarinsel Ischia ist so wunderbar

Limonengrün, pink, hellblau oder ocker gestrichene Fassaden spiegeln sich auf Procida im dunkelblauen Mittelmeer

© mauritius images / ClickAlps / Gianluca Laurentini

Ischias kleine Schwester hat bunte Häuser, weite Aussichten und feiert authentische Feste. Eine perfekte Kulisse – nicht nur im Kino

Es ist eine Art Déjà-vu: die weite Bucht, in der Fischerboote am Kai schaukeln. Die ineinander verschachtelten bunten Häuser, die am steilen Hang kleben. Ich war noch nie hier, auf dieser winzigen Insel im Golf von Neapel – aber es ist, als hätte ich das alles schon einmal gesehen, dieses ganze mediterrane Wimmelbild, das ich vom Pier aus ansehe Marina Corricella Ausblick: Lindgrün, Pink, Hellblau oder Ocker gestrichene Fassaden spiegeln sich im Dunkelblau des Mittelmeers. Steile Treppen und schmale Korridore durchziehen das Gewirr aus würfelförmigen Häusern, Bögen und Terrassen. Restaurantgäste sitzen unter weißen Sonnenschirmen am Meer, eine graue Katze streichelt Fischernetze. Da dämmert es mir: Hier hat sich der Schauspieler Massimo Troisi in Michael Radfords Film “Il Postino” als Postbote mit Gedichten von Pablo Neruda für Beatrices Gunst eingesetzt – unvergessliche Szenen vor einer einzigartigen Kulisse.

Es wurde alles vor 25 Jahren gedreht, aber seitdem hat sich wenig geändert. „Warum“, höre ich immer wieder, „so schön ist es hier“ – und ganz anders als auf den Nachbarinseln: nicht so überlaufen wie Ischia, nicht so flauschig wie Capri. Rund 10.000 Menschen leben dauerhaft auf Procida. Damit ist die nur vier Quadratkilometer große Insel dichter besiedelt als jede andere Insel im Mittelmeer. Der Alltag sieht hier noch authentisch aus. In dem Marina Grande Fähren entladen Tagesausflügler und Pendler gebührenpflichtig. Alte Kapitäne schwelgen in solchen Seefahrerclubs Kreis der Kapitäne und Maschinisten mit Espresso in Erinnerungen. Auf Procida sind die Dimensionen anders als auf den Schwesterinseln: Die Zitronen sind größer, die Strände dunkler, die Hotels kleiner, die Straßen schmaler. Wendige Kleinbusse kümmern sich um den Nahverkehr, fette Autos würden gnadenlos zwischen den Wänden stecken bleiben. Fußgänger entwickeln schnell ein Gefühl dafür, wann es ratsam erscheint, in einen Hauseingang zu fliehen.

Nicht verpassen auf Procida

Procida litt lange unter dem Ruf, eine Gefängnisinsel zu sein. An seiner Ostspitze ragt ein steiler Felsen aus dem Meer, auf dem sich eine massive Festung befindet. Terra Murata, Ziegelerde, wird die burgartige Altstadt genannt. Die Herrscherfamilie der d’Avalos ließ dort im 16. Jahrhundert einen Palazzo errichten. 1830 wurde es in ein Gefängnis umgewandelt. Bis 1988 wurden hier Mafia-Bosse und andere Schwerverbrecher festgehalten. Die Kerkerfenster blicken wie tote Augen aufs Meer. Wer einen Blick in die Zellen werfen möchte, muss sich telefonisch bei der Gemeinde anmelden (Tel. 0039-333-351 07 01). Die Zukunft nicht nur dieses Denkmals ist jedoch ungewiss. „Für eine Restaurierung fehlt uns leider das Geld“, bedauert Mara Granito. Sie ist eine von vielen Inselbewohnern, die dazu beitragen, das historische Erbe zu bewahren. Mara macht das im Millennium-Kulturverein. Hier bietet sie Führungen an und kümmert sich um den Erhalt der Abtei San Michele Arcangelo. Während ihr Kind in der Schule ist, zeigt die junge Mutter den Besuchern die Altstadt oder die Hauptkirche San Michele mit seiner in Gold eingelegten Kassettendecke. Mara führt mich zu dem versteckten Ort, der nur durch einen schmalen Gang zu erreichen ist Casale Vascello. Das Viertel wurde im 17. Jahrhundert außerhalb der Festungsmauern erbaut, ist aber eigentlich nur ein Innenhof, um den sich mehrstöckige Häuser gruppieren (Eingang Via Principessa Margherita). Wie aufgeklebt führen Außentreppen zu den Böden. Eine Frau späht aus einem der Rundbogenfenster. „Jeder hier hat jeden im Blick. Das Leben im Casali ist und war immer sehr gesellig «, sagt Mara lachend.

Ja, es gibt auch Strände, zum Beispiel den schmalen, aber relativ langen Ciraccio Strand von Ciracciello im Nordwesten. Doch Procida ist als Erlebnisinsel weniger attraktiv als das Baden. Der Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens ist dieKarfreitagsprozession. Junge Procidaner in weißen Gewändern und blauen Umhängen tragen drei Stunden lang Figuren und Szenen aus der Bibel namens Misteri durch die engen Gassen. Die Lebensfreude fällt am letzten Wochenende im Juli Meeresfeste off, das Pfarrfest des Meeres. Auch weil dann die Graziella gewählt wird, die schönste junge Frau der Insel. Der Titel ist inspiriert von dem Roman des französischen Schriftstellers Alphonse de Lamartine. Bereits 1852 lobte er den Charme der Insel und ihrer Bewohner.

Procida

Der Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens auf Procida ist die Karfreitagsprozession

© Giuseppe Greco / Schapowalow

Die besten Adressen zum Genießen

Alle Restaurants duften nach Zitronen, dem Stolz der Insel. Sie werden meist in kleinen Familienbetrieben angebaut. Die reifen Früchte werden oft mit Öl, Knoblauch, Minze und Paprika in einem Salat serviert. Die Zitrone darf bei Procidas berühmtesten Backwaren natürlich nicht fehlen, den Süße Sprache von Procida. Das mit Zitronencreme gefüllte längliche Blätterteigteilchen wird beispielsweise in Cafés an der Via Roma genug – oft zum Frühstück. Ansonsten genieße ich Fisch in allen Variationen: Im Restaurant La Lampara Bei Marina Corricella machen sogar die leckeren Antipasti wie ein Hauptgang glücklich. Bei marinierten Sardellen und Tintenfischen, Bruschetta mit Tomaten und Thunfisch und mit Kräutern gewürzten Fischfrikadellen gibt es einen atemberaubenden Meerblick gratis dazu (Via Marina Corricella 88). Die gleiche Marina punktet mit frischem Fisch vom Grill RestaurantGorgonienDer Guide Michelin lobt seine ebenso einfache wie gute Küche (Via Marina Corricella 50).

Ausgewählte Unterkünfte auf Procida

Wer sich austoben möchte, kann als Gast des Hotel la Vigna gerne bei der Weinlese helfen – entspanntere Gemüter können das Ergebnis der Mühsal auch einfach als roten oder weißen Hauswein auf der Terrasse genießen. Der stilvoll eingerichtete Vier-Sterne-Palazzo liegt sehr ruhig in Terra Murata. Das Hotel verfügt über den ältesten Weinberg der Insel und das Spa bietet Weintherapien (Doppelzimmer ab 90 €). Etwas schwer nur über Treppen zu erreichen, aber ein Drei-Sterne-Hotel mit Fünf-Sterne-Aussicht: Das Hotel la Corricella. Es thront mit seinen großzügigen Zimmern am Hang der gleichnamigen Bucht (Doppel/Frühstück ab € 80). Beim Frühstück auf der Terrasse betrachte ich Fischerboote und – wieder ein Déjà-vu – den Schwarm bunter Häuser.

GEO Saison Nr. 09/2019 – Naturwunder in Osteuropa

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