Schmerzgedächtnis: „Wenn die Diagnose verzögert wird“

Was ist Schmerzgedächtnis?

Dr. Malessa: Unter Schmerzgedächtnis werden verschiedene Veränderungen verstanden, die bei länger anhaltenden Schmerzen im Nervensystem stattfinden. Diese Veränderungen zeigen sich sowohl biochemisch als auch physiologisch oder morphologisch. Das bedeutet, dass sich Nervenzellen nicht nur in ihrer Funktion, sondern sogar in ihrer Struktur verändern, was man sich in der Vergangenheit nicht vorstellen konnte.

Wie entsteht ein Schmerzgedächtnis?

Dr. Malessa: Schmerzgedächtnis tritt besonders häufig bei neuropathischen Schmerzen auf, das heißt, wenn das Nervensystem geschädigt ist, was zu Schmerzsignalen führt. Die Schmerzsignale können dann beispielsweise in den Nerven in Armen und Beinen entstehen und dauerhaft in Richtung Rückenmark feuern. Dadurch wird das Rückenmark überempfindlich und die Übertragung von Schmerzsignalen intensiviert.

Diese Signale werden dann im Gehirn verarbeitet und zusätzlich verstärkt. Letztlich führt dies alles dann zu einer viel stärkeren Schmerzwahrnehmung. Ohne äußeren Reiz kann es sogar zu spontanen Schmerzen oder starken anhaltenden Schmerzen kommen.

Wann sollten Sie mit Schmerzen einen Arzt aufsuchen, um chronische Schmerzen zu vermeiden?

Dr. Malessa: Die Dauer und Intensität des Schmerzes bestimmt, ob ein Schmerzgedächtnis entsteht. Dies ist insbesondere dann relevant, wenn die Schmerzursache unklar bleibt und sich die Diagnose verzögert. Wenn z.B. kribbelnde, drückende oder brennende Schmerzen in den Füßen oder ischiasartige Schmerzen auftreten, die vom Gesäß ins Bein ausstrahlen und keine typische Ursache wie eine Polyneuropathie oder ein Bandscheibenvorfall gefunden werden kann, müssen Fachärzte aufgesucht werden frühzeitig konsultiert und nicht nur Orthopäden, sondern auch Neurologen, Rheumatologen und Schmerztherapeuten einbezogen, um die Ursache abzuklären und gezielt zu behandeln.