Sie haben sich mit den Dynamo-Profis aufgestellt

Dresden. Er macht ein Sandwich, als es an der Tür klopft. Jeden Mittwoch hat Horst Friedl Audienz in der Suite „Clara Schumann“ im Hotel Bellevue in Dresden. Der Physiotherapeut von Dynamo soll den schmerzenden Ischias des Präsidenten lindern. Aber am Morgen des 2. August 1995 stand der Staatsanwalt vor der Tür. Rolf-Jürgen Otto, der am 21. Januar 1993 mit falschen Versprechungen ins Amt gewählt wurde, wird festgenommen.

“Ich hielt seine Hand, fürchtete um sein Leben, wenn er sich aufregte, weil er einige Krankheiten hatte”, sagt Friedl. “Ich habe ihn sogar zur Toilette begleitet, aber er hat gesagt: Keine Angst, ich springe nicht aus dem offenen Fenster.” Die Massage wurde abgesagt, Otto wegen Unterschlagung und Insolvenz mit seiner Baufirma, der er zweieinhalb Jahre absitzen musste, zu drei Jahren Haft verurteilt, der Machthaber starb 2016.

Als Friedl zurückkam, erkannte ihn seine Frau kaum wieder. „Sein Gesicht war richtig grau, so hatte ich ihn noch nie gesehen“, sagt Kerstin Friedl. Zu dieser Zeit arbeitete sie auch als Physiotherapeutin bei Dynamo, ihr Mann stellte sie ein, als sie noch kein Paar waren. Sie hat sogar das erste Treffen verpfuscht, ist zu spät zum Interview erschienen – ohne eigenes Verschulden, auch wenn er augenzwinkernd sagt: “Die Bremsen Ihres Autos sind angeblich ausgefallen.” Durch einen technischen Defekt am Opel hatte sie einen Unfall.

Als Mittelstürmer von Empor Löbtau zu Dynamo

Den Job bekam sie trotzdem 1992, obwohl sie noch in der Ausbildung war. Bei ihm war es fast 20 Jahre zuvor ähnlich gewesen. Als Mittelstürmer der BSG Empor Löbtau wurde Friedl beim Freundschaftskick Dynamos-Meistertrainer Walter Fritzsch aufgefallen, der ein Jahr probeweise trainieren sollte, in der zweiten Mannschaft spielen sollte. „Nach ein paar Wochen konnte ich den Ball kaum noch stoppen. Vom Training zweimal pro Woche bis zweimal täglich: Ich hatte zehn Kilo abgenommen. “

In der Saison 1972/73 spielte Horst Friedl (3.v.l.) unter Trainer Wolfgang Oeser (l.) bei Dynamo Dresden für die zweite Mannschaft der DDR-Liga. Auch Top-Ligaspieler wie Horst Rau (vorne, 2.vl), Matthias Müller (vorne, 2.vl © Johannes Berndt

Aber das war nicht der Grund, warum meine Karriere als Spieler nicht geklappt hat. Motorradunfall, gebrochener Knöchel, schief zusammengewachsen. „Das ist es“, sagt er. Der gelernte Feinmechaniker machte eine Umschulung zum Bademeister/Masseur und absolvierte ein Fernstudium an der Universität Leipzig, während er bereits vier Jahre bei Dynamo tätig war. Seine Kollegen Horst Zimmer und Frank Deubel stahl er “mit den Augen”, wie Friedl es ausdrückt. Es ist die Zeit, in der seine zukünftige Frau in Dresden-Klotzsche beim Turnen und Turnen ihre Liebe zum Sport auslebt und oft in die volle Straßenbahn zum Stadion fährt. „Die Dynamo-Truppe in den 1970er und 1980er Jahren war einfach toll, ich habe gerne Fußball geschaut, ohne ein echter Fan zu sein“, sagt sie.

Beruflich geht sie einen anderen Weg und arbeitet am Zentrum für Forschung und Mikroelektronik in Dresden unter anderem an einem Ein-Megabit-Chip für Robotron. “Erich (Staatschef Honecker / Anm. d. Red.) wollte es auf dem Parteitag präsentieren, aber wir hatten nicht die technischen Voraussetzungen, um so etwas zu entwickeln.” Kurzum: Sie haben einen aus dem Westen kopiert. „Sie waren viel fortschrittlicher und unsere waren noch lange nicht serienreif. Erich hat einen voll funktionsfähigen bekommen. „Nach dem Mauerfall musste sie sich auch neu orientieren, absolvierte ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin in Pirna und eröffnete mit ihrer Mutter das erste Fitnessstudio in Dresden. So kam der Kontakt zu Dynamo zustande.

Peter Lux war 1990 der erste Westimport. Er fand es besonders kurios: „Wir hatten einmal die Woche Gymnastik mit Musik und einer Turnerin.“ Kerstin Friedl lacht, als sie diese Aussage im Buch „Dynamos vergessene Helden“ liest. Sie ist gemeint, aber ihr Bewegungsprogramm war weit mehr als Pop-Gymnastik oder – wie es in der DDR hieß – „Notenmedizin“: ein multifunktionales Training zur Reduzierung der Verletzungsanfälligkeit.

Ralf Minge: Enger Kreis ohne Eitelkeit

Helmut Schulte, der nach der Bundesliga-Qualifikation aus dem Westen gekommene Trainer, wollte sie noch nicht verpflichten, erst mit Klaus Sammer war der Weg frei – für die erste Frau im deutschen Profifußball. „Ich war schüchtern, aber in Behandlung“, beschreibt sie ihre ersten Erfahrungen in dieser einzigartigen Männerwelt. “Zuerst habe ich einen feuerroten Kopf bekommen, weil die Jungs dich hüpfen lassen und ihre Witze machen.”

Physiotherapeutin Kerstin Friedl (2.vl) mit den Dynamos Bundesliga-Spielern Gunnar Grundmann (vl), Miroslav Stevic und Nikica Maglica.

Physiotherapeutin Kerstin Friedl (2.vl) mit den Dynamos Bundesliga-Spielern Gunnar Grundmann (vl), Miroslav Stevic und Nikica Maglica. © Privat / Archiv Friedl

Doch die Spieler lernten ihr Können schnell zu schätzen. Mit dem 2014 verstorbenen Mannschaftsarzt Detlef Schlegel und den beiden Friedls verfügt Dynamo über eine starke medizinische Abteilung, die gut mit dem Trainerstab zusammenarbeitet. „Wir hatten einen extrem engen inneren Kreis“, sagt der damalige Co-Trainer Ralf Minge über das familiäre Verhältnis. “Es gab keine Eitelkeit.”

Schatzmeister Georg Schauz versuchte einst, das „Traumteam“, wie Kerstin Friedl es nennt, aufzulösen, und bot ihr den Posten des Chefs an. Dafür sollten ihr Mann und Schlegel gehen. „Er hatte keine Chance. Ich sollte erklären, warum Sven Kmetsch noch nicht fit ist, also habe ich gesagt, wie es ist: Es ist eine Überlastungspause, die Zeit braucht“, sagt der 56-Jährige aus Dresden. „Wir waren vor allem in München bei Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und in der Physiotherapie in Donaustauf.“ Weder der Wunderheiler des FC Bayern noch der Physiotherapeut der Nationalmannschaft konnten ihnen einen Extra-Tipp geben. “Sie haben ähnlich funktioniert, wir waren auf dem Laufenden.”

Die individuelle Betreuung geht über den medizinischen Aspekt hinaus, manche lassen sich sogar von Kerstin Friedl die Haare schneiden. “Sie dachten wahrscheinlich, dass es mir ganz gut geht.” Regelmäßig trifft sie sich zum Frühstück mit Jens Jeremies, der im Internat am Stadion wohnt und auf seine Chance bei den Profis hofft. “Ich habe ihm versichert, dass er seine Ausbildung nicht vernachlässigt, aber obwohl ich wenig Ahnung vom Fußball habe, dachte ich: Mit seiner Leidenschaft und seinem Ehrgeiz kann er ein wertvoller Spieler sein.”

Unangenehme Erfahrung mit dem Teamfoto

Bei Dynamo kam Jeremies nur unter Minge, wurde nach zehn Bundesliga-Einsätzen ab 1860 München verpflichtet, gewann mit dem FC Bayern die Champions League und die WM, wurde sechsmal Meister und viermal Pokalsieger, bestritt 55 Länderspiele. Dass Jeremies, von dem Präsident Otto sagte, nie ein Bundesliga-Spieler werden würde. Mit dem Schwergewichts-Hessen machte die junge Frau im Team ebenfalls eine unangenehme Erfahrung. „Während des Mannschaftsfotos stand er hinter mir und zog an meinen Haaren. Aber ich musste lächeln. Er war kein angenehmer Mensch. “

Eine klare Ansage der Dynamo-Fans beim letzten Bundesliga-Spiel am 11. Juni 1995 gegen Bayern München (0:1).  Der zwielichtige Präsident Rolf-Jürgen Otto tritt nicht zurück, wird dann aber festgenommen.

Eine klare Ansage der Dynamo-Fans beim letzten Bundesliga-Spiel am 11. Juni 1995 gegen Bayern München (0:1). Der zwielichtige Präsident Rolf-Jürgen Otto tritt nicht zurück, wird dann aber festgenommen. © Wolfgang Wittchen

Im Gegensatz zu Stanislav Cherchessov. Der Russe kam 1993 aus Moskau nach Dresden und braucht vor jedem Spiel eine spezielle Behandlung: Akupunktur zur mentalen Entspannung. Horst Friedl hatte von einer Reise einige deutschsprachige Bücher zur Traditionellen Chinesischen Medizin mitgebracht und die wichtigsten Tricks selbst gelernt. „Der eine raucht heimlich den einen, der andere kaut Kaugummi – und Stani brauchte diese Nadelstiche, um die Anspannung in den Griff zu bekommen“, sagt der 68-Jährige, der von 1985 bis zum letzten Spiel die DDR-Nationalmannschaft betreute in 1990.

Friedl hat einen entspannten Umgang mit den Spielern. Als Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner sich vor einem EM-Spiel verletzte, bot er einen Tausch an: Ein Paar Adidas-Schuhe aus ihrem Auswahlkontingent, falls Friedl ihn rechtzeitig fit macht. Dörner kann ihn fünf Tage später tragen – und Friedl präsentiert die neuen Schuhe dann bei Empor Löbtau. „Was ich nicht bedacht hatte: Dixie hatte eine Nummer kleiner. Ich quetschte mich hinein und sehnte mich nach Halbzeit. Meine Zehen waren schon blau. Hauptsache, die drei Streifen glänzen…”

Physiotherapie seit fast 25 Jahren erfolgreich durchgeführt

Beide können stundenlang über Erfahrungen sprechen. Und vielleicht finden die Friedls jetzt, wo sie langsamer werden, die Zeit, sie aufzuschreiben. Nach dem erzwungenen Abstieg von Dynamo 1995 gründeten sie eine eigene Physiotherapie und zogen im Mai 1999 vom Rudolf-Harbig-Stadion in die Wiener Straße um. Dass der damalige Manager den mittlerweile drittklassigen Kickern verboten hatte, weiterhin von ihnen behandelt zu werden, ist ein unangenehmes Kapitel. „Schade, dass es bei Dynamo manchmal an fairer Behandlung mangelt“, sagt Kerstin Friedl.

Dynamos “junges Spiel” auf Asienreise 1984 (von links): René Beuchel, Jens Jeremies und Mario Kern. © privat

Sie führten die Praxis fast 25 Jahre lang, zunächst als Zweierteam, heute mit elf Mitarbeitern. „Unser Ziel war es, den Namen Friedl in Dresden zu einer Marke zu entwickeln“, sagt sie – und sagt stolz: „Ich glaube, das ist uns gelungen.“ Daniel Schuffenhauer hat die Geschäftsführung übernommen. Horst Friedl hilft bei Bedarf als Mentor aus, Kerstin Friedl behandelt Patienten mit dem Spineliner als alternative Schmerztherapie. Es bleibt mehr Zeit für Reisen mit dem Wohnmobil, Radfahren, Wandern, den Besuch von Museen und Kunstausstellungen.

Und sie konnten in die USA fliegen, obwohl Horst Friedl selbst dort einmal festgenommen wurde. Nicht so spektakulär wie später Otto in seiner Suite, aber immerhin filmreif. „Ich musste meine Hände auf das Auto legen, meine Füße weg und auseinander“, sagt er. Bei der Reise nach dem Abstieg 1992 war er bei einem Ausflug mit Teamchef Jürgen Straßburger zu schnell unterwegs. “Ich habe versucht, den Polizisten mit Souvenirs von Dynamo zu erfreuen, aber damit konnte er nichts anfangen.”

Sie durften endlich mit einem 100-Dollar-Ticket weiterfahren. Friedl fragte den Reiseleiter, ob er wirklich zahlen müsse. “Ja, das ist registriert und wäre auch fällig, wenn Sie erst Jahre später wiederkommen.” Es war ein teurer Aufenthalt, weil ihm auch ein Zahn gezogen werden musste. Dafür mussten sie sogar 150 Dollar bezahlen.

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