Tilo Fuchs besucht seine alte Heimat in Bärnau

Bis der Ehrengast eintrifft, scherzen die Männer und Frauen im Restaurant „Bread & Time“ über Mercedes, Ferrari und Porsche und meinen ihre Spaziergänger. Der lange Tisch ist voll, das Stimmengewirr wächst mit jedem Neuankömmling. Das Durchschnittsalter der Gäste dieser Veranstaltung kann auf gut 75 Jahre geschätzt werden. Bleibt nur noch eines zu warten: Tilo Fuchs kommt aus Regensburg, dieser Nachmittag ist für ihn.

Ein paar Stunden voller Erinnerungen

Die Apothekerin Inge Fischer lud den ehemaligen Bärnauer zu einigen Stunden voller Erinnerungen an vergangene Zeiten ein. Als der 89-Jährige etwas zu spät kommt, wird er wie ein Star gefeiert. Er sieht gut aus, Tilo. Natürlich braucht er auch einen Rollator. Aber das weiße Haar auf seinem Kopf ist voll, der Pony hängt frech ins Gesicht.

Mit scharfen Augen hört er aufmerksam zu, sobald der Name eines ehemaligen Freundes genannt wird. Tilo Fuchs hat in Bärnau niemanden vergessen. „Bist du Willi? Sieht gut aus, als ob der Papst da sitzt“, ruft er Willibald Wolf zu. Erna Schwägerl, die ehemalige Haushälterin von Tilos Vater, dem Landarzt Dr. Josef Fuchs, erkennt Fuchs nicht auf den ersten Blick. Sie ist ein bisschen traurig darüber.

Erna Schwägerl sitzt mit vielen älteren Frauen am Tisch, die sich alle sehr auf Tilo gefreut haben. Die Frauen erzählen von damals, wie sie als junge Mädchen mit dem Tilo getanzt haben. Marianne Zwerenz freut sich wie eine Schneekönigin, dass Tilo Fuchs sie sofort beim Namen nennt. „Ist es schön, dass du mich noch kennst? Ich bin wirklich überrascht“, sagt sie. Die Männer erinnern sich an die Autos von damals und mehr an die Amerikaner nach dem Krieg.

Bis in die 1970er Jahre praktiziert

Alfred Wolf und der Bürgermeister Alfred Stier, die „nur“ 60-Jährigen, suchen ihre Plätze zwischen den Senioren. Wolf und Stier haben Tilos Vater, Dr. Josef Fuchs, auch als Kinder bekannt und geliebt. Der Arzt praktizierte bis in die 1970er Jahre in der Knopfstadt. „Er hat mich wegen einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus gefahren“, erinnert sich Alfred Wolf. Alfred Stier, der neben der Familie Fuchs wohnte, erzählt von der Holztreppe in der Landarztpraxis, auf der die Patienten, aufgereiht wie Hühner, auf ihre Behandlung warteten. Es gab kein Wartezimmer. „Dr. Fuchs war unser Landarzt, Zahnarzt, Internist, Hausarzt und Krankenhaus zugleich. So einen gibt es nicht mehr“, schwärmt der Bürgermeister von damals. Stier erinnert sich, dass seine Mutter Dr Injektion gegen Ischias um 6 Uhr morgens auf dem Weg zur Arbeit.

Der Landarzt kam 1931 aus Regensburg nach Bärnau. “Weil eine Stelle frei war”, erklärt sein Sohn, warum Dr. Josef Fuchs aus der Großstadt aufs Land zog. „Mein Vater wollte nicht lange bleiben. Er hatte bereits mit dem Bau eines Hauses in Regensburg begonnen. „Der Krieg hat die Pläne der Familie durchkreuzt. Tilo Fuchs und seine Schwester Emzi, die Schauspielerin, wurden Landkinder. Womit sich die Eltern nicht ganz wohlgefühlt haben sollen. Es tauchen Geschichten über die Familie Fuchs auf, die heute Nachmittag nur noch zur Hand und unter dem Siegel der Geheimhaltung geflüstert werden. Es gibt auch Liebe und Leiden.

Was für ein Auto fuhr Tilo damals? Die spekulativen Erinnerungen der Herren am Tisch drehen sich um rasante Sportwagen vor der Tür der adeligen Landarztfamilie. In einem dieser Autos saß eine Frau aus Bärnau, als Tilo im Alter von 11 Jahren am Steuer saß. Sie weiß, dass sein Vater ihm den Fahrersitz eingerichtet hat, damit der Junge in die Pedale kommen kann. „Mit 16 bin ich mit dem Auto meines Vaters zur Fahrschule nach Tirschenreuth gefahren“, sagt Tilo Fuchs lachend und ergänzt: „Parken habe ich nie gelernt. Es dauerte eine Fahrstunde und eine Theoriestunde, dann hatte er seinen Führerschein. Unvorstellbar für die heutigen Bedingungen.

In bester Bärnauer Mundart

Genau wie die Schurkenstreiche, die unverfroren auf den Tisch kommen. „Es gibt da ein paar, die man nicht sagen kann“, sagt der Gast mit einem geheimnisvollen Lächeln. Er sagt es den “Harmonischen”. „Einmal haben wir Fichtenzweige für die Weihnachtsdekoration in Kuhdung getaucht und mit Lenk ins Bett gelegt“, erfahren Nichteingeweihte in bestem Bärnau-Dialekt: Tilo Fuchs ist seiner Kindheitssprache treu geblieben.

Jetzt werden alte Fotos aus Schule und Jugend herumgereicht. Auf dem Stuhl hinter dem Regensburger Gast fährt eine ehemalige Schulkamera: Ferdinand Meyer aus Tirschenreuth, geboren in Poppenreuth und seit 14 Jahren Leiter der AOK, hat das Abitur bei Tilo in Regensburg gemacht. „Gleich am ersten Tag im Gymnasium wurde Regensburg bombardiert und wir mussten in den Luftschutzkeller. Für uns Landkinder war das eine ziemliche Aufregung“, sagt Meyer. Kriegsgeschichten gehören dazu.

Tilo und Enzi wurden in Regensburg geboren. „Das wollte der Vater. Er hat die Mutter dorthin gebracht“, sagt der Gast. Die Landarztkinder haben große Karrieren gemacht. Das macht Bärnau stolz: Auch wenn Regensburg als Geburtsort der beiden in den Vitas eingetragen ist, werden Tilo Fuchs und seine nicht anwesende Schwester Ernie an diesem Nachmittag noch einmal als berühmte Bärnau-Kinder gefeiert.

Landarzt Dr. Josef Fuchs ist in Bärnau . begraben

Bärnau

Hintergrund:

Zur Person

  • Tilo Fuchs, geboren 1932, aufgewachsen in Bärnau, war zuletzt Generalmusikdirektor in Regensburg.
  • Seine vier Jahre jüngere Schwester Enzi ist Schauspielerin, derzeit bekannt als “Eberhofers Oma”.
  • Die Kinder des beliebten Landarztes Dr. Josef Fuchs gingen mit den mittlerweile 80-jährigen Bärnau-Bürgern durch die Straßen, waren beste Freunde und haben gemeinsam so manche „Schande“ begangen.

“Es gibt Geschichten, die kann man heute niemandem erzählen.”

Tilo Fuchs

Bild: ubb

Tilo Fuchs