Warum schwankte Jean-Claude Juncker?  |  Derzeit Europa |  DW

Krankheiten sind Privatsache. “In der Regel sollten sie nicht ohne Zustimmung der betroffenen Person gemeldet werden.” Das sagt der Pressekodex in Abschnitt 8.6. Aber wenn ein Politiker eine Behörde leitet, die mehr als 30.000 Beschäftigte hat – und aktuell fast ebenso viele Probleme auf Lösung warten –, dann kann aus der Privatangelegenheit ein politisches Thema werden.

Wenn Bilder vom NATO-Gipfel in Brüssel die Redaktionen erreichen, stellen sich schnell Fragen: Warum war EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker auf mehrere Staatsgäste angewiesen?

Solche Fragen will die Agentur aber nicht stellen: “Es wäre nicht angebracht, öffentlich über gesundheitliche Probleme zu diskutieren”, sagte Junckers Büro.

Hilfe von zwei Seiten

Ein Video der britischen Boulevardzeitung “Daily Mail” zeigt, wie der 63-Jährige auf ein Podest taumelt, den linken Fuß auf die unterste Stufe stellt, das Bein zurückzieht und dann mit helfenden Händen ein wenig nach oben stolpert, wo er sofort kommt oben übliche Küsse verteilt. Auf dem Fotopodest haken sich die Arme rechts und links ineinander, und sie schrecken auch dann nicht zurück, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Begrüßung herankommt.

… unterstützt auf einer Fotoplattform für den Aufstieg …

Wenn danach eine Strecke zurückgelegt werden muss, bietet der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte seine Hilfe an. Er scherzt mit Juncker, legt ihm den Arm um die Schulter; er stützt ihn, wenn er schwankt; er greift mit der linken nach seiner rechten Hand. Schließlich hakt sich Juncker auf beiden Seiten wieder ein. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hält ihn von hinten fest.

“Besonders schmerzhafter Angriff”

Weil auch ein Rollstuhl benutzt werden muss, fragen sich immer mehr Journalisten nach dem Warum. Nun wird in Junckers Umfeld darauf hingewiesen, dass der luxemburgische Spitzenpolitiker seine Rückenprobleme bereits mehrfach erwähnt hat. Sie machten ihm das Gehen schwer. “Das war vorgestern der Fall, als er von einem besonders schmerzhaften Ischias-Anfall geplagt wurde”, heißt es. Am Donnerstag war das wieder besser – was öffentlich sichtbar war. “Du musst dir also keine Sorgen machen, dass er immer noch hart arbeitet.”

Der niederländische Ministerpräsident Rutte antwortete dem belgischen Sender VRT: “Er hat meines Wissens keine ernsthaften gesundheitlichen Probleme, aber er hat seit einiger Zeit ein Rückenproblem.” Die Juncker-nahe Quelle, die die Deutsche Presse-Agentur zitiert, ohne seinen Namen zu nennen, sagt: “Es ist geschmacklos, wie manche Medien den Schmerz des Präsidenten mit abschätzigen Schlagzeilen ausnutzen.” Es ist nicht angebracht, die Gesundheitsprobleme öffentlich zu diskutieren.

Brüssel Belgien NATO-Gipfel - Jean-Claude Juncker

… und zeitweise im Rollstuhl gefahren

Juncker, der in knapp zwei Wochen die Interessen von 500 Millionen Europäern bei Gesprächen zum Handelskonflikt mit den USA in Washington vertreten will, hatte bereits angekündigt, im nächsten Jahr nicht für eine zweite Amtszeit zu kandidieren. Zweifel an seiner gesundheitlichen Eignung hatte er bereits 2014 zurückgewiesen. Anlass war eine Aussage des niederländischen Finanzministers Jeroen Dijsselbloem, der Juncker als “störrischen Raucher und Trinker” bezeichnete. Juncker selbst erklärte daraufhin kurz, dass er kein Alkoholproblem habe.

Auch in Berlin wurden die jüngsten Bilder kritisch hinterfragt. Der Sprecher der Kanzlerin, Steffen Seibert, antwortete lediglich, die Bundesregierung habe “ein hohes Vertrauen” in Juncker als EU-Kommissionspräsident.

dj/kle (dpa, rtr)